Wer braucht Psychotherapie?

Die meisten Menschen brauchen zu gewissen Zeiten Hilfestellung; manche davon sprechen mit einem Therapeuten, um ein besseres Verständnis ihrer Probleme bzw. eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu erreichen.

PsychotherapieWas ist Psychotherapie?

Ganz allgemein gesagt meint Psychotherapie eine Beziehung, in der eine Person die fachliche Unterstützung einer anderen Person sucht; das Ziel besteht in einer Veränderung eigener Gefühle, Gedanken, der Einstellung oder von Merkmalen des eigenen Verhaltens. Die Aufgabe des Psychotherapeuten besteht darin, den Patienten beim Erreichen dieser Ziele in optimaler Weise zu unterstützen. Eine Person sucht häufig dann Therapie auf, wenn sie zwar um die Notwendigkeit einer Veränderung weiß, wenn sie sich aber nicht darüber im klaren ist, worin diese Änderungen bestehen sollen und wie diese zu erreichen sein könnten. Genau darauf bezieht sich die Unterstützung durch den Psychotherapeuten.
Worin diese Unterstützung nun konkret besteht, hängt von der theoretischen Ausrichtung und Ausbildung des Therapeuten ab. Dies legt auch das Vorgehen fest. Die meisten psychotherapeutischen Ansätze lassen sich in folgenden drei Richtungen zuordnen:

  • Verhaltenstherapien;
  • Psychoanalytische und psychodynamische Therapien und
  • Humanistische Therapien.

Verhaltenstherapien

Therapeuten dieser Ausrichtung sehen das Verhalten/Handeln des Patienten als zentralen Ansatzpunkt. Verhaltenstherapie beinhaltet die Anwendung der Verhaltenswissenschaften, um Individuen bei Veränderungen in der von ihnen angestrebten Richtung zu unterstützen. Verhaltenstherapie betont besonders die Prinzipien menschlichen Lernens, die für problematische Entwicklungen innerhalb eines menschlichen Lebens verantwortlich gemacht werden.

In der Verhaltenstherapie wird auch großer Wert auf die Erfassung der Effektivität der Therapie gelegt (z.B. durch Aufzeichnung und Bewertung von Veränderungen). Die verhaltenstherapeutisch orientierten Praktiker gehen davon aus, daß aktuelle Umgebungsbedingungen die wichtigsten Bestimmungselemente menschlichen Verhaltens darstellen. Die in der Verhaltenstherapie benutzten Therapieverfahren beabsichtigen in erster Linie eine Erhöhung der Selbstkontrolle des Individuums; dazu gehört insbesondere ein Auf- und Ausbau von Fähigkeiten und Fertigkeiten zwischen den therapeutischen Sitzungen, z.B. durch Aufgaben, Übungen in der natürlichen Umgebung des Patienten etc. Eine Ergänzung und Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie bildet die kognitive Verhaltenstherapie bzw. kognitive Therapie. Kognitive Therapeuten sind der Auffassung, daß viele menschliche Probleme von dysfunktionalem (d.h. nicht zielführendem) Denken herrühren und daß diese Gedanken menschliche Emotionen und menschliches Verhalten beeinflussen. Das Ziel der kognitiven Verhaltenstherapie besteht konsequenterweise darin, die Denkmuster eines Klienten zu verändern, damit eine Veränderung des Verhaltens und der Emotionen erfolgen kann.

Im praktischen Vorgehen sind kognitive und Verhaltenstherapie eng verknüpft: Kognitive Therapeuten stützen sich auf die Erfassung von irrationalen Gedanken durch Aufzeichnungen, durch einen rationalen Dialog ebenso wie auf Übungen und Verhaltensexperimente in der natürlichen Umgebung des Patienten.

Psychoanalytische Therapien

Psychoanalytische bzw. psychodynamisch orientierte Therapeuten gehen davon aus, daß psychische Probleme ihre Wurzel in unbewußten Impulsen bzw. Konflikten haben, die in der Kindheit unterdrückt worden sind. Zur Behandlung psychischer Störungen helfen Therapeuten dem Patienten, diese unterdrückten Inhalte (Gefühle, Gedanken . . .) wieder ins Bewußtsein zu holen, um sie einer konkreten Bearbeitung zugänglich zu machen. Zu diesem Zwecke sollte der Patient im Wege der freien Assoziation seine Gedanken und Gefühle äußern, damit die Logik des Unbewußten erfaßt werden kann. Wichtige Behandlungsmethoden sind außerdem die Interpretation von Träumen, in denen sich unbewußte Inhalte in verschlüsselter (symbolischer) Form äußern können.

Humanistische Therapien

Humanistisch orientierte Therapeuten betonen die prinzipielle Fähigkeit des Menschen zur Selbstverwirklichung. Der Therapeut hilft den Klienten, ihre Selbst-Akzeptanz zu erhöhen. Der Schwerpunkt liegt weniger in der Vergangenheit des Individuums, sondern in der Gegenwart. Humanistische Therapeuten benutzen Verfahren, die Personen dazu zu ermutigen, Verantwortung für ihre Gedanken und Handlungen zu übernehmen; dabei spielen die hinter diesen Gefühlen liegenden unbewußten Motive eine nur untergeordnete Rolle. Die meisten humanistischen Therapeuten sind in ihrer Orientierung sehr flexibel; sie benutzen in der Regel Ideen, Techniken und Methoden aus unterschiedlichen anderen theoretischen Ansätzen.
Alle Therapieansätze, d.h. Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und humanistische Verfahren, können sowohl in Einzeltherapie, in Paaren, Gruppen oder auch im familiären Setting durchgeführt werden.

Was passiert im Verlauf von Psychotherapie?

Das konkrete Geschehen innerhalb der Psychotherapie hängt stark von der theoretischen Ausrichtung des Therapeuten ab. Es richtet sich klarerweise auch nach dem individuellen Patienten mit seiner speziellen Problemlage und seinen Bedingungen. Es gibt allerdings einige allgemeine Merkmale der Psychotherapie, die hier angeführt werden sollen.

Der Erstkontakt mit einem Therapeuten sollte eine Konsultation (Klärung) beinhalten; dies verpflichtet Sie als Patient/in keineswegs, mit einem speziellen Therapeuten langfristig zu arbeiten. Das Ziel des Erstkontaktes besteht darin, zu klären, ob Psychotherapie bei dieser Problematik indiziert und ob ein spezieller Therapeut Ihnen helfen kann. Dies schließt eine Beendigung nach dem Erstkontakt oder die Suche nach Alternativen mit ein.
Die erste Sitzung ist also dazu vorgesehen, zu klären, ob Sie sich in der therapeutischen Situation wohlfühlen und ob Sie diesem Therapeuten vertrauen können und ob Sie bereit sind, mit ihm über längere Zeit hinweg an der Veränderung Ihres Problems zu arbeiten. Am Ende dieser Sitzung sollte dieses Zutrauen zum Therapeuten geklärt sein, und Sie sollten in ihm einen Fachmann sehen, der Ihre Situation und Ihre Problematik versteht und der bereit ist, Ihnen bei der Lösung beizustehen. Auch der Therapeut sollte in diesem Stadium die Entscheidung für oder segen die Übernahme eines Patienten treffen (Alternativen: Überweisung etc.).

Wenn Sie sich dazu entschlossen haben, mit diesem Therapeuten zu arbeiten, geht es in den nächsten Sitzungen üblicherweise darum, die Umstände zu klären, derentwegen Sie gerade jetzt zur Therapie kommen. Während dieser diagnostischen Phase wird Ihnen ein Therapeut üblicherweise ganz spezifische und detaillierte Fragen nach der Art Ihres Problems, dessen Umständen und Beeinträchtigungen stellen.
Nach einer zumindest vorläufigen Problem- und Zielklärung kommen erste Schritte der Veränderung zum Tragen; die Diagnostik und präzise Erfassung ihrer Beschwerden ist klarerweise auch im Verlaufe der Therapie notwendig, um Veränderungen feststellen und einzelne therapeutische Schritte präzise planen zu können.

Im Zentrum des psychotherapeutischen Prozesses steht dann die Hilfe für Ihr konkretes Problem; wie bereits angesprochen, geht es dabei um die Verbesserung Ihrer Einsicht, um die Lösung ganz konkreter Probleme, um die Veränderung von Gedanken, Gefühlen oder von Verhalten. Die Ziele, derentwegen Sie zur Therapie kommen, stellen die Leitlinien für den therapeutischen Verlauf dar. Wie und ob diese Ziele erreicht werden, hängt zum größten Teil von der theoretischen Ausrichtung des Therapeuten (siehe oben) und von den damit zusammenhängenden Strategien und the-rapeutischen Techniken ab.
Einige Therapeuten verlangen von Ihnen als Patient/in mehr an Aktivität als ein bloßes Sprechen über Ihre Beschwerden. Solche Aktivitäten beinhalten Rollenspiele oder auch Aufgaben zwischen den einzelnen Sitzungen: Hier üben Sie diejenigen Dinge, die den Gegenstand der Therapie bilden (Entspannungsübungen; Kommunikationsfertigkeiten etc.). Therapeuten unterscheiden sich auch stark darin, wie sehr sie den Fortschritt der Therapie beeinflussen bzw. steuern. Manche Therapeuten nehmen eine durchaus direktive Rolle ein, während andere die Steuerung des Therapieprozesses ausschließlich dem Klienten überlassen.

Auch die Dauer der Therapie hängt stark von der theoretischen Ausrichtung, zum Teil allerdings auch von der Art Ihres Problems und vom Therapieplan ab. So gibt es ausgesprochene Kurzzeittherapien, während andere Ansätze einen länger dauernden Prozeß erfordern. Die einzelnen Sitzungen dauern üblicherweise eine Stunde, zumeist einmal pro Woche. Diese Zeitangaben sollte man aber nicht als starr betrachten, sie hängen auch von den Bedürfnissen des Patienten und von der Vorgabe des Therapeuten ab. Sie sollten den Therapeuten zu Beginn der Therapie durchaus nach der Dauer der Therapie, nach der Häufigkeit der Sitzungen und nach den verwendeten Therapiemethoden fragen. Aspekte der Finanzierung von Psychotherapie sind sehr unterschiedlich geregelt; dies kann Ihnen der Therapeut üblicherweise präzise beantworten, so daß von Beginn der Therapie an eine klare Vereinbarung besteht.
Nach einer gewissen zeitlichen Dauer der Therapie werden Sie und Ihr Therapeut üblicherweise zu der Auffassung gelangen, daß Ihre Ziele im wesentlichen erreicht sind und daß die Therapie nicht länger erforderlich ist. Auch wenn die Therapie formell beendet ist, ersucht Sie Ihr Therapeut häufig, nach einem bestimmten Zeitraum (z.B. ein halbes Jahr) zu einer Bestandsaufnahme zu erscheinen.
Sollten Sie der Auffassung sein, daß neue Probleme auftauchen bzw. daß alte Probleme nicht oder nicht hinreichend gelöst sind, so sollten Sie sich durchaus neuerlich in Therapie begeben (evtl. auch bei einem anderen Therapeuten). Was Sie unbedingt berücksichtigen müssen ist, daß Therapie keineswegs ein Allheilmittel für jeden Menschen und für alle Probleme darstellt; deshalb sollten Sie auch Alternativen kennen und in Anspruch nehmen (z.B. andere Therapeuten; Selbsthilfegruppen . . .)‘ wenn ein spezielles Verfahren nicht zum Ziel geführt hat.

Was sollte in der Therapie NICHT passieren?

Eine therapeutische Beziehung beruht auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt. Wenn einer der beiden Partner dieses Vertrauen verletzt, so ist dies üblicherweise ein Grund zur Beendigung der Therapie. Therapeuten mit entsprechender Aus- und Weiterbildung sowie geregelter Zulassung haben sich an bestimmte berufsethische Regeln zu halten. Professionelle Therapeuten berücksichtigen jeweils die Schweigepflicht sowie die gesetzlichen und menschlichen Rechte eines jeden Patienten. Dies verbietet selbstverständlich körperlichen, psychischen oder sexuellen Mißbrauch innerhalb einer therapeutischen Beziehung.
Wenn Sie als Patient der Auffassung sind, daß Ihr Therapeut die Grenzen ethischer Schranken überschreitet, sollten Sie ihm gegenüber Ihre Bedenken äußern. Werden Ihre Bedenken nicht ausreichend berücksichtigt, sollten Sie durchaus einen anderen Therapeuten aufsuchen. Es steht Ihnen zusätzlich frei, sich in diesem Punkt auch an eine örtliche oder überregionale Psychologen- oder Psychotherapeutenvereinigung zu wenden.

Resümee

Psychotherapie kann in unterschiedlichen Problemlagen ein ausgesprochen zielführendes Unterfangen darstellen; wie bei den meisten menschlichen Unternehmungen ist dazu Zeit und Motivation erforderlich, damit auch ein entsprechender Erfolg gewährleistet ist. Für den Anfang ist es besonders wichtig, die für Ihr Problem und Ihre Situation optimale Therapieform zu finden und sich darauf einzulassen.

Weiterführende Literatur

Hoffmann, N. (1990). Verhaltenstherapie und kognitive Verfahren. Mannheim: PAL-Verlag.

AVM (Arbeitsgemeinschaft für Verhaltensmodifikation), DVT (Deutscher Fachverband für Verhaltenstherapie) und ÖGVT (Österreichische Gesellschaft für Verhaltenstherapie) sind professionelle Vereinigungen, die durch Forschung und Praxis zur Verbesserung psychischen Leidens beitragen.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

AVM/Deutschland
Dr. Haas-Straße 4; D-96047 Bamberg

DVT/Deutschland
Waldhäuser Straße 48, D-72076 Tübingen

AVM/Österreich
Institut für Psychologie
Universität Salzburg, Hellbrunner Straße 34, A-5020 Salzburg

ÖGVT
Anton-Proksch-Institut, Mackgasse 7—9, A-1237 Wien

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